Beizeiten erscheint mir die Welt als ein bösartig lebensfeindlicher Ort. Lebensfeindlich wegen ihrer offensichtlichen, wenn auch meist verdrängbaren Nähe zu Tod und Grundlosigkeit. Bösartig, weil sie uns Hoffnung und Lust mit auf den Weg alles Vergänglichen gibt.
Der Spaziergang durch Nizamudin hält Blicke auf krasseste Gegensätze für mich bereit. Ziegen tummeln sich zwischen Kindern und Bettler*innen; zu beiden Seiten der Straße findet die Zerlegung von Tierkörpern in offenen Schlachtereien statt. Ein Zicklein wehrt sich laut meckernd dagegen, in einen der blutigen Kleinbetriebe hineingezerrt zu werden. Fünfjährige flitzen auf Fahrrädern vorbei.
Von der bildhübschen Dachterrasse befreundeter Freiwilliger sieht mensch herab auf die Terrassen der anderen – meist die gesamte Wohnfläche einer Familie.
Abends Party in einem noblen Club, ‚The Love Hotel‘, auf dem Dach einer Luxusmall. Der Eintritt ist nach Geschlecht gestaffelt: Weiblich Kategorisierte kommen umsonst hinein und dürfen einen Begleiter mitbringen; Menschen mit männlichem Erscheinungsbild zahlen 1,500 Rupien, einen halben durchschnittlichen Monatslohn. Dafür erhalten sie einen stolzen Betrag in Papierschnipselwährung für Getränke und damit die Möglichkeit, die Damen zu einem Drink einzuladen. Derlei Maßnahmen sind üblich in einer Gesellschaft, in der nächtliche Bewegungsfreiheit für Frauen die Ausnahme bleibt, in der heterosexuelle Schwerenöter sich auf frustrierender Dauersuche befinden, während in vielen Gegenden des Landes weibliche Babies abgetrieben oder postnatal getötet werden, um der Mitgift zu entgehen.
Auf der Tanzfläche ein Querschnitt der High Society Delhis: Gutaussehende, gepflegte Menschen in schicker, aber nicht extravaganter Kleidung bewegen sich zurückhaltend zu gleichförmig stampfender Elektromusik. Die Getränkepreise übersteigen die Kosten einer Armenspeisung. Dementsprechend nicht volltrunken, wenn auch mit vom Alkohol gelöster Zunge unterhalten sich die Partygäste über ihre Herkunft und Beschäftigung. Das soziale Gewissen ist dabei ganz groß: Man arbeitet bei einer NGO oder hat gleich eine gegründet. Über altmodische Konzepte von Gleichberechtigung durch Umverteilung sind wir glücklicherweise hinaus; Empowerment to Self-Sufficiency ist in, das schließt sich mit pervers teuren Feiern natürlich nicht aus.
Ich genieße den Abend: Schon fast wieder stilvoll Prinzipienuntreu habe ich meine Alkoholabstinenz am 30. Januar, dem Todestag Gandhis und einem national dry day gebrochen. Die Musik ist stumpfsinnig – es lässt sich gut zu ihr tanzen. Meine selbstironische Euphorie wird begleitet von der Phantasie, eine Bombe könnte explodieren. Gliedmaßen von Körpern trennen, Blut mit edlem Sprit vermischen, den Inhalt der für die Fußwärme aufgestellten Körbe heißer Kohlen als glühende Geschosse durch die Nacht schicken.
Um die Menschenrechte wäre es schade. Um uns als Verwandte, Freund*innen, Geliebte. Als gescheiterten Träger*innen sozialer Verantwortung, als austauschbaren pseudoreformerischen Stabilisierungsfaktoren einer kaputten Gesellschaft, als den Suchenden des absurden Genusses einer sinnentleerten Existenz könnte uns nichts Besseres passieren.
Die Selbstverachtung hat ein befreiendes Moment. In Augenblicken der Hoffnungslosigkeit lässt sich eine ungekannte Intensität von Impulsen und Erfahrung erreichen, losgelöst von der Sorge nach Realisierbarkeit, frustrierender Reflexion über Sinnhaftigkeit und Moral, Furcht vor dem Tod. Dessen hauptsächliche Einflussmöglichkeit auf unser Leben ist damit ausgeschaltet. Wir sind geschlagen, wir korrumpieren uns, wir können nicht glauben, auf einer metaphysisch das Hier und Jetzt transzendierenden Ebene etwas zu bewirken. Die trotzige Aufrechterhaltung unserer Existenz und Aktivität ohne Rücksicht auf Verluste macht uns gewissermaßen unantastbar.
Sie bringt mit sich auch die (Erkenntnis der) Bedeutungslosigkeit von allem, und vor allem unserem Leben.
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