Nachträgliche Gedanken zum ‚Abschieds‘-Text, 2. September 2010

Ein Mensch im Ausland ist immer ein Kind: Er betrachtet die Umgebung voller Überraschung, Staunen, Verwunderung; alles ist neu, und bleibt das auch eine ganze Weile. Aus diesem Grund vielleicht ist es so schwer, wenn eine Reise zu Ende geht.
Gnädigerweise wird das Verlassen fremder Länder durch diesen Faktor aber auch erleichtert: Kein Mensch nimmt eine_n hier wirklich ernst, ist ein Eindruck der Anfangszeit, der sich nie ganz verabschiedet hat.
Die Vorstellung, nicht mehr von anderen unverstanden mit Freundinnen und Freunden sprechen zu können, kann leicht paranoid machen. Nicht mehr mit einem Blick als Tourist identifiziert zu werden, klingt hingegen äußerst angenehm.
Hin- und Hergerissen zu sein macht Lebensphasen sehr intensiv erlebbar.

Abschied, Abschied, Abschied, 1. September, 2010

‚Prolonging the agony‘ sei es, sagte mir damals mein Gastvater, meinen Rückflug am Ende des Austauschjahres so weit wie möglich hinauszuschieben. Ich weiß inzwischen, was er meinte. Aber auch, inwiefern es sich lohnt.

Das zweite Jahr meines Lebens im Ausland geht vorüber. Ich weiß nicht, ob Menschen je Routiniers in solchen Dingen werden, aber ich bin ich sicherlich noch lange nicht. Beim Vorpacken zu realisieren, wie viele Briefe, Andenken, Kleidungstücke, Bücher nicht mitkommen werden – das allein macht melancholisch, und es steht ja eigentlich nur symbolisch für all die Menschen, Orte, Eindrücke, die wir Abreisenden hinter uns zurücklassen. Zumal es diesmal nicht der temporäre Abschied von einer Gastfamilie ist, die sich recht leicht wieder besuchen ist: Diese Wohngemeinschaft findet dieser Tage ihr Ende, in NGOs und bei ihren Zielgruppen herrscht enorme Fluktuation, wie in Indien sowieso: Die Erfahrung der letzten zwölf Monate ist nicht reproduzierbar.

Diese Gedanken gehen mit einer ziemlich getragenen Stimmung einher. Eigentlich aber hätte ich mir die letzten Tage schöner kaum wünschen können: Da waren die Reisen nach Udaipur und Pushkar, zwei Städte an Seen im Wüstenstaat Rajasthan. Um diese Jahreszeit blüht die sonst karge Hügellandschaft dort für ein paar Wochen lang auf, steigt sich der Wasserspiegel der Seen rapide mit jedem Regenfall, und lohnt sich der Trip noch einmal auf ganz andere Weise als im März. À propos Trip: die heilige Stadt Pushkar bietet, wie andere Pilgerstätten auch, ganz offen Bhang an. Das Derivat eines obskuren, wohl hanfähnlichen rajasthanischen Krauts hat eine deutliche, aber beherrschbare psychedelische Wirkung und wird oft an Feiertagen und zu religiösen Zeremonien verwendet. Oder von neugierigen Reisenden, die dabei unterschiedliche, aber jedenfalls interessante Erfahrungen machen.
Ansonsten sind die zwei Orte eine angenehme Mischung aus Tourismus und Tradition, weniger vermüllt als die Großstädte, dafür mit mehr Kühen und auch Elephanten auf den Straßen. Neben ihren Hauptmerkmalen, dem Palasthotel auf dem See von Udaipur und den heiligen Ghats am See Pushkars, bilden sie kuriose Trends aus, um sich als Reiseort hervorzuheben: in ersterer Stadt werden an allen Ecken Bücher gebunden und dazwischen Sarazenerstahlklingen feilgeboten. In letzterer bietet eine Vielzahl hübscher Restaurants, deren Häufigkeit sich mit jener der Tempel messen kann, italienische und israelische Speisen unterschiedlicher, teils beeindruckender Qualität an. Oftmals neben sogenannten „special“ Lassis, Säfte oder Schokokugeln, die dann eine mehr oder weniger zaghaft dosierte Menge Bhang enthalten.

„Time can move fast in Puskhar“, wie der Lonely Planet richtig bemerkt. Und schon ist mensch zurück in Delhi, wo die halb leere WG noch etwas Raum und Zeit für die letzten, konkreten, absoluten Abreisevorereitungen lässt. Ein seltsames Gefühl, immer in Bewegung zwischen Vorfreude und Wehmut, letztlich wohl mit dem Fazit: Es ist in Ordnung, dass es nun weitergeht. Denn weiter geht es ja, nicht vorbei: Der erste neue Freiwillige steht morgen vor unserer Tür. Und für uns hat Europa sicherlich einen neuen, spannenden Kulturschock parat.

An Encounter with Happiness, 15th of August, 2010–08–17

My last full day in Delhi. Not really, but that’s what it feels like. Because what will follow are two weeks of almost uninterrupted traveling, to Udaipur and Kathmandu. And then a few days back in Delhi – without work, with almost no flat mates left, and without my bicycle.
For I am going to sell it. To a person I met under the most Indian circumstances (with lots of funny coincidence involved, that is). It was when I went to get a second-hand bicycle after my old one had been stolen. I hadn’t been to the store in months, but it was exactly the same as the last time: young men repairing old bikes on the little-frequented street in front of the shop, and a voluminous, bearded Sikh sitting behind the cash counter (which is the traditional place for shop owners in India). And a bunch of customers struggling to attract his attention. When I made it, he told me dismissively: rent a cycle for two weeks? Not possible. Buy it, and sell it back? Not worth it – I would only get 40%. And with that, he turns to the next potential buyers. I am about to start a new haggling assault when a soft-spoken, but self-confident voice addresses me from behind: what kind of cycle I want? I’m a bit confused, think the man a shop employee at first. But as it turns out, Nagpal is in a completely different business, with a company that owns factories in Mannheim; he is delighted to meet a volunteer from Germany and would give me 60% for a used cycle after two weeks.
So in the early morning of this Sunday, Independence Day, I go to visit his house and deliver the bicycle. Nagpal lives in a nice, but not obnoxiously posh colony near a big cinema. There are a tandem, a youth’s bike and two motorcycles the front lawn, and an old Land Rover outside. I am surprised to find Nagpal wearing a turban: he had told me that I had to be there before nine so he could get to church on time. As it turns out, the open-minded fellow is attending a singing service in an open church alongside Christians, Sikhs, and people of other faiths. He is taking his two daughters, unlike twins he and his wife adopted from a children’s home after raising two biological children. (What use is it, building one house after another and getting an expensive car, Nagpal says, when you are blessed with the opportunity to raise children? This is what they’ll remember about their lives, the one most important part of it. And really, the youngsters are not the lucky ones to experience this, he insists: it’s him and his wife who are lucky to enjoy their presence in the house.) One of them has won a silver medal at the Olympics in America once, as captain of the field hockey team. The girls play tennis, Hockey, Volleyball, and like to cycle; so does their father, mostly in the early mornings. He also plays golf and tennis. It’s better to be outside than in, he tells me; TV is his worst torture. His wife, a doctor, is taking a gap year to work in New York. They have Green Cards, could live and work in the US anytime. But this country, India, has given them so much – how could they leave now, when it’s time to give something back?
While Nagpal is telling me all this, a woman around 30 is serving us Aloo Paranthas, Kabab, and coffee for breakfast. She comes from Bihar, he says, and went to live in his house as a domestic aid after her husband left her and her two children alone. Her daughter accompanies us later in the car, when Nagpal is giving me a ride and then taking them to church with him. She and the twins are around the same age, 15ish, and giggle on the backseat, refusing to heed to Nagpal’s call for English language, so I can participate. He accepts their flat-out No without any of the strictness I half-expected of him as the proud patriarch of an Indian family.

It’s amazing being in this person’s house. His style is completely different from mine; no thoughts are given to whether Property Is Theft or if the system might need radical change. But, essentially, I see him as one of these rare people who are not perfect, not blamelessly moralistic, but good. And: happy.

When I come home, one of our neighborhood puppies comes scrambling towards me on limping legs, his tail waving hard enough to almost knock him off balance. Another happy person, although one going through a tougher school of life (I assume in my biased ways, not knowing Nagpal’s past). One older, one younger than me. Both living in a country that seems to make relaxedness and comfort impossible for me. I wonder where my fault lies.

Letzte Tour nach Nizamuddin: 10. August, 2010

Plötzlich ist der da: der letzte richtige Arbeitstag in meiner Organisation. Zeit, verbleibende Projekte einen Abschluss finden zu lassen.
Also ging es ein letztes Mal auf ins Bahnhofsviertel Nizamuddin, wo die NGO ja inzwischen das erwähnte Tageszentrum für drogenabhängige Kinder und Jugendliche eingerichtet hat. Dort war mir beim vorhergegangenen Besuch ein Carrombrett aufgefallen, das sich besonderer Beliebtheit erfreute. Ansonsten allerdings sah es in Sachen Spielzeug noch etwas mager aus. Also begab ich mich einmal in die irgendwie ja fragwürdige Rolle des weißen Goldesels und benutzte einen Teil der verbleibenden Spendengelder, um Puzzles, Geschicklichkeitsspiele und Bausteine davon zu kaufen.
Im Center sind gerade sechs Kinder anwesend, als ich komme. Drei von ihnen ziehen heute in ein Heim; welches sie aufnehmen wird, wird gerade geklärt. Drei sind einfach so da, holen auch bald das Carrombrett heraus. Ich würde mich seltsam dabei fühlen, einer gelungenen Fotoreihe zuliebe sämtliche Spiele auf einmal unter den Kindern zu verteilen, die ich auch nur zum Teil kenne. Glücklicherweise sieht es Projektkoordinatorin Rima ähnlich und übernimmt den Part, ab und an etwas neues anzubieten in den nächsten Wochen. Vorerst werden nur ein Puzzle und eine Tüte Steckmodule zum Häuserbau ausgepackt und finden auch einigen Anklang (sie Fotos, http://picasaweb.google.com/simonindelhi/TheNizamuddinCenter).
Bald geht es dann auch schon wieder in Richtung Büro; der Tagesplan ist vollgestopft. Als wir in strahlendem Sonnenschein in die Autoriksha einsteigen, schicke ich eine sms nach Hause: Ich waere bald zum essen da, in 30-45 Minuten plus/minus Indien. Und prompt kommt Indien in Form des Monsuns dazwischen. Die letzten paar Tage hatte es ausgesehen, als sei der Regen weitergezogen, aber nein: Nur taktisch zurückgehalten hatte er sich, um nun mit neuer Kraft und Blitz und Donner auszubrechen. Binnen Minuten bilden sich graue Fluten in allen Niederungen. Durch den unebenen, momentan unsichtbaren Straßenbelag sieht es aus, als verhalte sich das Wasser völlig irrational: An den seltsamsten Stellen entstehen tiefe Pfützen, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Der Verkehrsfluss verlangsamt sich merklich, bleibt oft ganz stehen. Dadurch werden aber nur umso schönere Blicke von Brücken und Hügeln über das Monsungrüne Delhi möglich: Überall Büsche und Bäume, die den Regen begrüßen. Bald jedoch verschwinden diese Ausblicke hinter einem dichten Vorhang aus niederprasselndem Wasser, und wir können nie ganz sicher sein, wie weit entfernt die Blitzeinschläge stattfinden, die wir im Minutentakt hören.
Die beeindruckendste Anfangsphase lang rede ich mir ein, ich sei kein Touri, und lasse ärgerlicherweise meine Kamera im Rucksack. Dann besinne ich mich eines besseren. Die eben leider nicht ganz optimal ausfallenden Resultate sind ebenfalls im oben verlinkten Album zu finden.

Auch in anderen Momenten gehe ich wieder aufmerksamer durch die Strassen, lasse Delhis Trubel wieder mehr auf mich wirken und mich auch von ihm berühren: Viele Orte, die ich passiere, könnte ich schon zum letzten Mal sehen. Denn kommende Woche geht die Abschlussreisezeit mit Trips nach Udaipur (Rajasthan) und Kathmandu (Nepal) los, und dann ist die Abreise nicht mehr weit. Bis dahin werde ich sicher noch einige Eindrücke mitzuteilen haben. Und Rima hat gelobt, uns mit Berichten vom Geschehen in Nizamuddin auf dem Laufenden zu halten. Wir dürfen gespannt sein.

Tierleben in Delhi, die Zweite / Oder: Abschiedsstimmung 2010-08-01

Wie in den Betrachtungen ueber die Frage ‚Wie dreckig kann ein Mensch werden?’ bereits angedeutet, haben wir erhoeten Kontakt mit der Fauna Delhis auch in unserer Wohnung. Die Schabenpopulation entdeckt immer neue Bereiche fuer sich, Fliegen und Muecken verbreiten sich enorm in der warmen Feuchte des Monsuns, und unsere Maus hat sich nun wohl langfristig hinter einer kaputten Steckdose eingenistet und auch keine weiteren Versuche gestartet, ein Nest in unserer Lebendfalle einzurichten (nachdem das ein erstes Mal fehlgeschlagen war, wir sie allerdings ineffektiver Weise direkt vor unserer Haustuer ausgesetzt hatten – ich stelle mir vor, dass sie unsere Wohnung schon vor uns wieder erreicht hatte).
Heute aber hat das ganze eine neue Dimension erreicht. Ich dachte ja neulich schon, etwas erlebt zu haben, als mich auf dem Arbeitsweg eine Kuh sanft aber bestimmt per Hornstupser aus ihrem Weg befoerderte. Als ich aber an diesem Sonntagnachmittag mit Michi plaudernd auf dem Balkon stand, sahen wir einen Affen auf dem Balkon der Nachbarn. Ein grosser Pavian, der in letzter Zeit schon oefter in unserem Viertel unterwegs gewesen war. Von weitem was es ja unterhaltsam zu beobachten, wie dieses mit und Jaeger_innen und Sammler_innen verwandte Raubtier die Ueberbleibsel der nachbarlichen Mittagsmahlzeit futterte. Als der Pavian dann aber zu uns herueberhuepfte, ging uns das dann doch entschieden zu weit (beziehungsweise zu nah). „Affe auf dem Balkon!“ rufend fluechteten wir durch eine der drei Wohnungstueren nach drinnen. „Affe im Zimmer!“, erscholl kurz darauf der perplexe Warnruf von Niklas, der im Wohnzimmer am PC gesessen hatte. Vom Flur aus beobachteten wir baff erstaunt, wie der kraeftige Pavian schnurstracks zum Kuehlschrank huepfte, ihne routiniert oeffnete und sich ueber unsere Vorraete hermachte. Hungrig schien er nicht zu sein, aber neugierig: Nacheinander wurden Mangos, Bananen, Schokolade ausprobiert und fallengelassen; ein Gutteil des restlichen Inhalts wurde waehrend des Durchsuchens auf dem Boden verteilt. Dann entdeckte unser Besucher die Durchreiche. Die Kuehlschranktuer offen stehen lassend, durchsprang er sie in Richtung Kueche, wo eine Tuete Linsen, eine Tupperdose Mandeln und einige Gewuerze seiner Inspektion zum Opfer fielen.
Ins Wohnzimmer zurueckgekehrt, beobachtete der Pavian uns Beobachter_innen kritisch. Dann, ohne Warnung, machte er einen Satz direkt auf uns zu. Vier von Fuenfen schafften den Rueckzug in ein Schlafzimmer; Niklas aber stand auf einmal allein auf weiter Flur im Flur – bewaffnet gluecklicherweise mit einem Stab, den Michi auf einer Urlaubsreise zum Schutz gegen Tempelaffen erworben hatte. Archaische Laute ausstossend, trieb der ein Meter achtzig – Mann den Pavian zurueck ins Wohnzimmer und auf den Balkon.
Nun sind wir gespannt, ob der Affe uns als relativ tolerante Speisekammer nun fest auf seine Route gesetzt hat. Wir werden sehen.

Ansonsten hat mit Alicia die erste Mitbewohnerin die WG Richtung Deutschland verlassen, einige weitere Dienstzeiten sind bereits vorueber und meine eigene neigt sich ebenfalls dem Ende zu. Der Blick auf Indien veraendert sich – es scheint schwieriger, die nach wie vor beeindruckenden Eindruecke mit Euch in Europa zu teilen. Zu vieles wuerde zu viel Erklaerung benoetigen, ist mein Gefuehl. Deshalb entschuldigt die Seltenheit der Blogeintraege dieser Tage. Ich bemuehe mich um Besserung – und habe dann im September noch so einiges zu erzaehlen.